Spaß mit der Deutschen Bahn

Mangelt es der Bahn an Kunden? Wahrlich nicht, wie ich hier aus dem verschissenen ICE von Berlin ab 15:53 nach Muenchen berichten kann. Auf der gut 6stuendigen Reise kriegt der Spruch „Das stehen wir durch!“ eine ganz neue Bedeutung.

Stunden später sinds nicht weniger Passagiere.

Nachtrag zur Bahnfahrt am 28.11

Ehrlich gesagt hatte ich ein bisschen ein schlechtes Gewissen, weil ich drei Stunden in der 1. Klasse stand, aber nur ein 2.-Klasse-Ticket gekauft hatte. Hätte es ein Schaffner geschafft, sich von der Stelle zu bewegen, ich hätte nicht gewusst, wie ich das ihm oder ihr gegenüber verargumentieren soll, mich in die zweite Klasse zu quetschen, wo ich hingehöre, statt in die erste, in die ich mich gequetscht hatte. (Falls hier einer Sozialneid raushört: das Gegenteil ist der Fall. Vielmehr hätte ich mich als Erstklassist drüber aufgeregt, dass die Bahn nicht verhindert, dass mir stehende Mitfahrer ihre Backen an die Wange pressen.)

Die Enge im Zustiegsbereich hatte auch ihr Gutes, es gab kaum Aggressionen oder Pöbeleien. Stattdessen heitere Scherze zu Begriffen wie „InterCity Express„. Gottlob hatte niemand gesundheitliche Probleme, die Bahn hat ja schon genug am Hals, da wäre es echt nicht gut gekommen, wenn jemand wegen der schlechten Belüftung umgekippt wäre und dann vielleicht auf eines der Kinder gefallen, die sich auf Gepäckhöhe an Beine klammerten.

Der Geschäftsreisende, der den Sitzplatz auf der IC-Toilette ergattert hatte, bot ihn immer wieder den drei Passagieren an, die sich halb in den Eingang des WCs quetschten. (Das WC als WC zu nutzen war ohnehin niemandem möglich, da sich keiner zu ihm hätte hin bewegen können.)

„Ich werde meine Bahncard 100 zurückgeben.“

, grimmte der Mann vor mir, dem ich mehrere Stunden lang so nahe war wie zuletzt meiner Frau auf dem Lambada-Tanzkurs. Bahncard 100, das ist so ein 3200-Euro-Ticket, mit dem man das Recht hat, den Service der Bahn in Form einer Flatrate zu genießen, so oft man möchte. Ein Sitzplatz ist im Preis von 3200 Euro natürlich nicht inbegriffen. (Reservierungen sind bei den IC-Ersatzzügen nicht möglich.)

PS: Schon bei der Buchung hatte ich viel Freude. Ich darf von mir behaupten, einer der ersten gewesen zu sein, der damals das erste Webangebot von bahn.de genutzt hat. Ich glaube, nie war ich so nah an einem Blutsturz. Damals hatte ich in der Bahn eine lange Mail geschrieben und die Hirnrissigkeit ihres Interfaces mit Verbesserungsvorschlägen beschrieben und sie gebeten, ihre Web-Agentur wegen Unfähigkeit zu feuern. Eine anonyme Vertreterin jener Web-Agentur schrieb mir eine beleidigte Mail zurück – geändert hat sich in einem guten Jahrzehnt nichts. Noch immer ist es gefährlich, in einem zweiten Browser-Fenster etwas zu tun, während die Bahn.de-Seite lädt, sonst meldet einen die Seite in der Mitte des Buchungsvorgangs ab – und hey, wozu Cookies benutzen, um sich zu merken, welche Strecke ich bisher ermittelt hatte… Noch immer vergessen Formulare ihre Inhalte, wenn man auf ein Angebot wie „Abweichende Lieferadresse“ klickt, um das Formular zu erweitern. Etc. Kurz: Das ist noch nicht mal 1.0.

Laut Wikipedia hat die Bahn seit Mehdorn ihre Mitarbeiterzahl von 320.000 auf 230.000 verringert. Kann jeder bestätigen, der versucht, dem Onlineangebot durch einen Besuch am Schalter zu entgehen.

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8 Antworten zu Spaß mit der Deutschen Bahn

  1. Christian schreibt:

    Nicht ohne Grund lautet der neue Slogan der Bahn: „Sie werden die Fahrt in vollen Zügen genießen“.

  2. Stef schreibt:

    Das sieht eher nach Regionalbahn als nach ICE aus. War das die Variante Trabant?

  3. /aw/ schreibt:

    Bezahlen tut man derzeit einen ICE, aber man fährt IC, weil die ICEs in Reparatur sind. Daher dauert die Fahrt auch deutlich länger als auf dem Fahrplan angegeben. Dafür jedoch muß man immerhin nicht mehr bezahlen.

  4. /aw/ schreibt:

    Und, Stef, Du hattest recht: Beziehungspendeln, noch dazu mit der Bahn, das ist reiner Wahnsinn.

  5. Stef schreibt:

    Nicht, dass wir Dich nicht gewarnt hätten… Nein, wie gemein… Du brauchst all unser Mitgefühl, unsere gedrückten Daumen und positiven Mehdorn-Vibes. Unser Zugfahrkarma, das wir Dir hiermit schenken, möge Dir Deine Wege verkürzen und die Nerven schonen.

  6. /aw/ schreibt:

    Karma hat auf Rückfahrt immerhin für einen Sitzplatz gereicht. Gerne hätte ich die röchelnde, schleimende, rotzende, hustende Tusse neben mir aus dem Abteil geschmissen, aber im Sinne des Karma gab ich mich Buddhahaft gelassen.

  7. Stef schreibt:

    Da kann ich Dir noch einen Tipp geben:
    Zeit-Leser haben im Zug mehr Platz!

  8. /aw/ schreibt:

    Als ich mein kleines, bescheidenes Acer Aspire One 8,9-Zoll-Netbook aufklappte, wuchtete die Studentin vor mir demonstrativ ihren 18-Zöller auf. Der Schatten ihres Displays legte sich über mein Arbeitsgerät, der Luftstrom ihres Lüfters blies mir halb das Toupet weg, ich fühlte mich an den Rand gedrängt – und auch ein wenig in meiner Männlichkeit bedroht. Hätte sie das CD-Laufwerk rechtsgeklickt und „Auswerfen“ angeklickt, ich bin sicher, die rausschnappende Lade hätte mich durchs Fenster geschleudert.

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